Lebensstilmedizin in Theorie und Praxis

Aus dem 20. Internationalen Matrix-Workshop
Tag  5,  30.09.2016: Vortrag Prof. Dr. Erich Wühr

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Prof. Erich Wühr, Ischia 2016

Dr. Erich Wühr, Zahnarzt, Osteopath, Kieferorthopäde und Professor für Gesundheitsförderung und Prävention an der Hochschule Deggendorf hielt den zweiten Vortrag am Freitagmorgen. Sein Thema: Lebensstilmedizin in Theorie und Praxis.

Dr. Wühr hat sich 1983 als Zahnarzt in Bad Kötzting niedergelassen. Als hier 1991 die erste deutsche Klinik für Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) gegründet wurde, erregte diese uralte Methode seine Aufmerksamkeit und er übernahm ihren ganzheitlichen und systemischen Ansatz. In der Folgezeit verlegte er zahlreiche Bücher und veranstaltete viele Seminare über die Traditionelle Chinesische Medizin. Er hat sich mit systemischen Theorien der Pathogenese(belastende Lebensbedingungen) und Salutogenese(fördernde Lebensbedingungen) beschäftigt und ein interdisziplinäres Konzept zur Diagnostik und Therapie von Patienten mit Muskel- und Gelenkschmerzen innerhalb und außerhalb des Kausystems entwickelt – die Kraniofaziale Orthopädie. Aus dem Konzept der Systemischen Medizin leitet er als praktische Konsequenz die Förderung einer präventiven und gesundheitsbildenden Lebensführung ab.

„Mit den Strategien der Akutmedizin können chronische Erkrankungen nicht geheilt, sondern allenfalls zeitweise gebessert werden. Hier muss der Lebensstil geändert werden.“

(Erich Wühr)

Während in den vergangenen Jahrhunderten Infektionskrankheiten an erster Stelle standen, sind es heute die sogenannten „non-communicable diseases“ – lebensstilbedingte oder, humorvoll ausgedrückt, „Zuvielisationskrankeiten“. Zu den häufigsten Diagnosen in deutschen Arztpraxen gehören in dieser Reihenfolge: Bluthochdruck, Störungen des Fettstoffwechsels, Rückenschmerzen, Diabetes Typ 2, chronische Herzkrankheiten, Schilddrüsenvergrößerung, Adipositas und Depressionen. Etwa 330 Milliarden Euro wendet das deutsche Gesundheitssystem pro Jahr für Krankheiten auf – ein Sechshundertstel davon für präventive Maßnahmen.

Hauptursachen für die oben genannten Krankheiten sind, neben Risikofaktoren wie Nikotin oder Alkohol, vor allem falsche Ernährung, mangelnde Bewegung und Stress. Und so liegt es auf der Hand, die Patienten selbst in die Verantwortung zu nehmen und auf eine Umstellung der Gewohnheiten hinzuwirken – von einem krankheitsfördernden zu einem gesundheitsfördernden Lebensstil. Dabei sind zum Teil ganz einfache Maßnahmen hilfreich: Haferflockenbrei zum Frühstück senkt beispielsweise den Blutdruck, Chi-Gong-Übungen stärken die Ausdauer, drei bis vier Stunden Spaziergang pro Woche verringern das Brustkrebsrisiko um 50 %, und Bauchatmung hilft dabei, sich zu entspannen.

Dr. Wühr ist maßgeblich an einem Projekt beteiligt, das „Individuelles Gesundheitsmanagement“ (IGM) genannt und 2011 mit Unterstützung des Bayerischen Staatsministeriums für Umwelt und Gesundheit ins Leben gerufen wurde. In einer Kooperation des Kompetenzzentrums für Komplementärmedizin der TU München mit der Hochschule Deggendorf und sieben bayerischen Kurorten: Bad Kötzting, Bad Füssing, Bad Griesbach, Bad Tölz, Bad Alexandersbad, Bad Wörishofen und der Thermenstadt Treuchtlingen.

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Mehr über das individuelle Gesundheitsmanagament und über die Umsetzung in der Präventionsregion Bad Kötzting erfahren Sie auf der Homepage von IGM Campus

Es wurde ein Lern- und Coachingprogramm entworfen, welches laut Prof. Dr. Dieter Melchart, Leiter des Kompetenzzentraums für Komplementärmedizin, Selbstbestimmung, Selbstkompetenz und Eigenverantwortung der Menschen in Bezug auf Gesundheit und Krankheit fördern soll. Man hat es auf 12 Monate angelegt, da wissenschaftliche Studien gezeigt haben, dass dieser Zeitraum gebraucht wird, um neue Gewohnheiten nachhaltig zu etablieren. Ziel ist es, die Patienten zu Selbstverantwortung und „Selbstmanagement“ zu bringen. Das beinhaltet Aspekte wie Selbstbeobachtung, Selbstwahrnehmung, Selbstreflexion, Selbstwirksamkeit und Selbstverwirklichung.

„Gesundheit prüfen – Gesundheit planen – Gesundheit praktizieren“ ist hier das Motto. Dabei werden physische Trainingseinheiten kombiniert mit Lernprogrammen, die im Einzel- oder Gruppenunterricht über Internet, Computer und Druckerzeugnisse vermittelt werden. Die Schwerpunkte liegen auf gesunder Ernährung, ausreichende Bewegung (z.B. „10.000 Schritte pro Tag“) und Psychotraining (z.B. Stressmanagement und Wertearbeit).

Einstieg in das „Individuelle Gesundheitsmanagement“ sind Kuraufenthalte, in denen die Lern- und Trainingsprogramme der Lebensstilmedizin mit einem Gesundheitscheck und den kureigenen Therapien verbunden werden. In Bad Kötzting sind es beispielsweise Kneipp-Verfahren und die TCM. Außerdem kommt auch die Matrix-Rhythmus-Therapie zu Einsatz, um die Muskeln zu lockern und das Bindegewebe durchlässig zu machen. Denn die Matrix ist das grundlegende Selbstregulationssystem, und durch ihre funktionierende Logistik können Nährstoffe und Energie zu den Zellen gebracht, und Abfallstoffe entsorgt werden – eine grundlegende Voraussetzung dafür, dass die Selbsterhaltungs- und Selbstheilungskräfte des Körpers ihre Aufgabe in angemessener Weise erfüllen können.

Das Projekt war in den vergangenen 5 Jahren so erfolgreich, dass die AOK es 2017 mit einer Studie begleiten wird, bei der 500 Patienten das IGM-Programm absolvieren.

Hier finden Sie noch ein Interview mit Prof. Dr. Erich Wühr über die Lebensstilmedizin: